Start Termine Infos Fotos Paddelblatt Für Dich Kanupolo Links Email Hilfe

zurück zur Übersicht

Grenzerfahrungen auf Neiße und Oder

Das Schicksal nahm, wie heutzutage häufiger, mit einem Telefonanruf seinen Lauf. Martin war dran und erkundigte sich bei mir, ob ich in der Woche nach Ostern nicht Lust zu Paddeln hätte und gegebenenfalls nicht auch schon eine Idee hätte, wo es hingehen könnte. Eine Gepäckwanderfahrt sollte es werden, mit möglichst wenig Hindernissen, in schöner Landschaft und am besten für uns noch unbekannt. Außerdem sollte sich die Autofahrt in Grenzen halten, was die Auswahl vom Standort Braunschweig aus doch schon sehr eingrenzte. Elbe, Weser, Ems und Rhein kennen wir schon. Die Havel hat eine Menge Wehre und die Mulde einen weiträumig gesperrten Mündungsbereich. Doch halt - da gab es doch noch die deutsch-polni-sche Grenze in Form eines durchgehenden Gewässers, die Oder-Neiße-Linie. Obwohl Flüsse in vielen Staaten der Erde oft schon jahrhundertelang natürliche Grenzen bilden, so ist diese Grenze doch eher ein Kunstprodukt, welches am Ende des 2. Weltkrieges eher willkürlich gezogen wurde. Nachdem die Neiße bis zur Wende fast 50 Jahre für den Kanusport nicht fahrbar war, rückte sie nach der Wiedervereinigung insbesondere durch die Probleme bei der Grenzsicherung in das Blickfeld der Medien. Die Oder war dagegen dank einer Grenzvereinbarung zwischen der damaligen DDR und Polen seit 1972 mit Kanus befahrbar, allerdings für die Bewohner der alten Bundesrepublik dennoch in unerreichbarer Ferne.

So versprach eine Wanderfahrt auf Neiße und Oder neben dem Naturerlebnis auch eine spannende Lektion in jüngerer Geschichte und dank eines Artikels im Kanu-Sport aus dem Jahre 1992 konnte zur detaillierteren Planungsphase übergegangen werden. Schnell wurde das Bootshaus der SG Turbine Forst als günstiger Startplatz ausgemacht, wo nicht nur nach der halbtägigen Anfahrt übernachtet werden konnte, sondern auch das Auto einen sicheren Stellplatz gefunden hat. Marcel war noch kurzfristig als dritter im Bunde zu uns gestoßen und so stand unser kleines Grüppchen nun am Ufer der Neiße, schaute auf den langsam steigenden Wasserspiegel und lauschte den Erläuterungen des Ehepaares Tietz, die uns als Bootshausverwalter herzlich empfangen hatten. Die noch in Betrieb befindliche Eisenbahnbrücke als derzeitig einzige Verbindung von Forst zum polnischen Ufer sah schon etwas mürbe aus, stemmte sich mit wuchtigem Pfeiler jedoch standhaft gegen den scharfen Stromzug der Neiße. Einige 100 m oberhalb teilt ein Wehr den Fluß in den eigentlichen Hauptarm und einen Mühlgraben, an dem auch das Bootshaus gelegen ist. Unser Erkundungsgang führt uns unter anderem auch durch den Rosengarten, eine Anlage vom Anfang des Jahrhunderts, die aufgrund der frühen Jahreszeit leider noch etwas schmucklos dasteht, aber schon die Pracht ahnen läßt, die sich zur Rosenblüte entfalten dürfte.

Am nächsten Morgen begann unsere Tour zunächst mit einem Fußmarsch, denn die bepackten Boote wollten erst einmal auf dem Bootswagen zum Neißeufer transportiert werden. Eine stille Bucht gleich unterhalb der Eisenbahnbrücke bot sich idealerweise zum Start an und schon zog uns die über Nacht noch einmal gestiegene Neiße um die nächste Kurve dem Unbekannten entgegen. Verwilderte Ufer und mit Buschwerk bewachsene Inseln zeugten von der zumindest teilweise noch ungebändigten Kraft der Neiße und nur im Stadtgebiet von Forst waren die Deiche recht nah an die Uferlinie gesetzt. Brückenreste am Ufer und teils auch im Stromzug zeugten von ehemals intensiveren Beziehungen von West und Ost. Die Grenzpfosten am Ufer waren nun für die nächste Zeit unsere einzigen Begleiter aus der Zivilisation, während sich dahinter teils eine weite Wiesenlandschaft, teils ferne Höhenrücken mit dichtem Waldbestand in das Blickfeld schoben. Die Flußdeiche verliefen größtenteils weitab vom Fluß und gaben den Blick auf ein verwildertes Vorland mit Altarmen, Schilfbeständen und weiten Wiesen mit einzelnen Baumgruppen oder knorrigen Einzelbäumen frei.

Die Ufer wurden allmählich flacher und der Stromzug verlangsamte sich etwas, ein untrügliches Zeichen, daß wir uns dem ersten Wehr bei Griesen näherten. Dieses war 1992 wohl noch offen, mittlerweile ist es wieder in Funktion gesetzt und leitet den größten Teil des Wassers mit scharfer Schrägströmung unter eine Brücke nach links in einen Kraftwerkskanal. Auch wenn Kanuten fast zwangsläufig Wasserkraftwerken eher reserviert gegenüberstehen so bewunderten wir doch den verspielten Baustil dieses Kraftwerkes aus dem Beginn des Jahrhunderts, der über den reinen Zweckbau hinaus ein Gespür für schöne Architektur erahnen ließ. Daß Umtragen wurde dank eines größtenteils befestigten Weges und unserer Bootswagen zu einer eher angenehmen Unterbrechung der Fahrt. Kaum war mit dem rechts einmündenden Wehrarm die Grenze wieder erreicht sorgten vier dicht aufeinanderfolgende Sohlschwellen für eine spritzige Abwechslung, bei Niedrigwasser mag hier vielleicht mit scharfkantigen Steinen zu rechnen sein.

Bald schon kündigte sich der nächste Stau durch immer breitere Schilfgürtel am Ufer an, wenngleich dank des hohen Wasserstandes die Strömungsgeschwindigkeit kaum nachließ. Das Wehr von Groß Gastrose kann direkt linkerhand umhoben werden, wobei wir der Verlockung der durch hohe Bäume beschatteten Wiese nicht widerstehen konnten und eine wohlverdiente Mittagspause einlegten. Kaum hatten wir das Picknik aufgenommen erhielten wir Besuch vom nahen Ort, wo wir schon bemerkt worden waren und im freundlichen Gespräch nach woher und wohin befragt wurden. Man hatte hier wie wohl fast überall entlang der Grenze auch schon unliebsame Bekanntschaft mit inoffiziellen Grenzgängern gehabt und wollte sich vergewissern, wer sich denn dort am Ufer aufhält.

Wiederum dauerte es nicht lange, bis die ersten Häuser von Guben, der letzten Stadt an der Neiße in Sicht kamen. Hier wartete auch das letzte Wehr auf uns, das nur etwas mühsamer zu umgehen sein sollte. Am Beginn einer Ufermauer, schon in Sichtweite der Grenzbrücke mit dem darunter befindlichen Wehr wurde links ausgesetzt und das Terrain erkundet. Der Bundesgrenzschutz hatte uns schon längst erspäht und unterzog mich zunächst einer strengen Befragung, ob unsere Fahrt denn angemeldet sei, Ausweispapiere mitgeführt wurden und die Deutschlandfahne am Boot vorhanden sei. Andernfalls wurde das Ende der Fahrt in Aussicht gestellt. Erst ein Gespräch mit dem Dienststellenleiter brachte Klärung und uns freie Weiterfahrt, für nachfolgende Kanuten sei hier jedoch in jedem Fall eine Anmeldung beim Grenzschutzkommando in Frankfurt/Oder empfohlen. Anschließend wurden wir zollamtlich abgefertigt, bogen dann aber mit unseren Bootswagen nicht auf die Brücke ein sondern hielten uns parallel zum Neißeufer bis wir nach ca. 500 m bei der alten Gubener Wollfabrik wieder einen Zugang zum Fluß fanden.

Auf den folgenden letzten 15 km der Neiße befanden wir uns wieder fernab jeder Ortschaft, bis wir durch ein fast dschungelartiges Auwaldstück plötzlich in die breit und mächtig daherströmende Oder entlassen wurden. Linkerhand am Ufer der Ort Ratzdorf, der mit seinem Pegel während des Oderhochwassers im Sommer 1997 Bekanntheit erlangt hat. Die Hochwassermarken waren noch gut an den Bäumen zu erkennen und lagen ca. 3 m über unserem jetzigen auch schon recht ordentlichen Wasserstand. Das durch Bojen markierte Fahrwasser der Oder pendelte in weiten Schwüngen von Ufer zu Ufer, doch dank des sehr geringen Schiffsverkehrs können wir Kanuten uns auf diesem großen Strom recht frei und ungezwungen bewegen. Bald schon kam nun auf einem hohen Ufer gelegen Fürstenberg in Sicht, wo wir bei einem Sportbootliegeplatz unsere Zelte aufschlagen wollten. Diese Liegeplätze sind Bestandteil der schon oben erwähnten Grenzvereinbarung. Sie sind durch Schilder am Ufer markiert und gestatten dem Wasserwanderer das einmalige Übernachten im Zelt. Außer einer Wiese gibt es allerdings keinerlei Infrastruktur, so daß man alles zum Überleben notwendige im Boot dabeihaben sollte.

Am nächsten Morgen trägt uns die sehr zügige Strömung der Oder schnell an den Häusern Fürstenbergs vorbei in die Ziltendorfer Niederung, welche letzten Sommer großflächig unter Wasser stand. In der Ferne ist die kilometerlange Silhouette des Stahlwerkes von Eisenhüttenstadt noch weithin zu sehen. Bei unserem leichten Hochwasser fließt die Oder deutlich sichtbar in das Deichvorland hinein und füllt hier ruhige Altarme und Senken. Weit kann der Blick in das Land schweifen und dank des warmen Frühlings zeigen sich die Bäume und Büsche bereits weitgehend in zartem grün. Unterhalb Aurith wird im Schatten einer alten Weide Mittagsrast gemacht und nach eingehender Stärkung das weite Deichvorland zu Fuß erkundet. Eine große Schafherde war erst kurz zuvor hier durchgezogen und hat unübersehbare Spuren hinterlassen. Das Wasser in den Altarmen ist glasklar und strömt ruhig über die überfluteten Grasflächen. Zum Glück sind die Nächte noch recht frisch, sonst würde man hier wohl im Sommer von den Mücken als willkommene Beute betrachtet.

Bei der Einmündung des Brieskower Sees vor einem markanten Steilufer begegnen uns die einzigen anderen Wassersportler dieser Ostertour. Es sind Ruderer, die zum Training von Frankfurt heraufgekommen sind. Noch eine Kurve und die Oder zwängt sich in einem relativ engen Durchbruch durch einen Geestrücken unter der hohen Autobahnbrücke hindurch. Nach der Abgeschiedenheit weiter Strecken der Oder mutet uns das das Dröhnen der kräftigen LKW-Diesel im Dauerstau recht seltsam an. An der Uferpromenade und Stadtbrücke von Frankfurt/Oder herrscht geschäftiges Treiben, die Kaimauer des Hafens liegt jedoch einsam und verlassen da. Offensichtlich hat der Fluß trotz seiner Größe heutzutage nur noch geringe Bedeutung im Frachtverkehr. Wir flüchten vor der großen Stadt und steuern den nächsten Liegeplatz 8 km flußab in Lebus an. Am Ortsende beim Anglerheim finden wir ein idyllisches Plätzchen auf der Uferwiese, beim Anglerheim gibt es Wasser und bei Bedarf eine reichhaltige Speisekarte für den hungrigen Kanuten. Bevor wir uns unserer Petroleumküche zuwenden wird aber erst noch das hier ca. 40 m hohe Steilufer auf bequemem Wanderpfad erklommen und die phantastische Aussicht über das sich hier nach Norden weit öffnende Oderbruch genossen. Ruhig zieht der Strom als geschwungenes Band durch eine nur sehr dünn besiedelte Landschaft mit saftigen Wiesen dahin. Neben den seltenen Frachtschiffen kreuzen immer wieder Boote des Zoll und Bundesgrenzschutz auf dem Fluß, ansonsten herrscht auf langen Strecken Einsamkeit vor.

Vor Küstrin gabelt sich der Fluß und wir nutzen die Gelegenheit, die Insel im Rahmen einer vorgezogenen Mittagspause gründlich zu Fuß zu erkunden. Unmengen an Muschelschalen säumen die Wasserlinie und liegen verstreut in den kleinen Binnendünen herum, offensichtlich haben hier Möwen ihre reiche Beute gemacht. Der Kopfpanzer eines Flußkrebses wird zunächst als Mitbringsel geborgen, ist aber bereits so mürbe, daß er nach kurzer Zeit ganz zerfällt. Zu früheren Zeiten war hier wohl mal das Militär aktiv, einige Überreste die schon halb im Sand versunken sind deuten darauf hin. Ein reichlich verrosteter Ausguck wird mit gebotener Vorsicht für die Übersicht genutzt, bevor es an einem frischen Biberbiß vorbei wieder in die Boote geht. Die mächtigen Grundmauern der ehemaligen Festung Küstrin bewachen gleich nach der nächsten Kurve das rechte Ufer. Die vielfach gestaffelten Bollwerke aus ungezählten Ziegeln sehen immer noch recht imposant aus, auch wenn der Verfall nunmehr weit fortgeschritten ist. Von rechts kommt kurz darauf die Warthe zur Verstärkung der Oder heran, die nun nochmals in die Breite geht um die gesammelten Wassermassen aufzunehmen. Auf etlichen Kilometern Länge verläuft der Flußlauf nun sehr geradegestreckt und etwas eintönig, weiterhin befindet sich der Deich auf der deutschen Seite nun sehr nah an der Uferlinie, so daß das polnische Ufer sehr viel einladender aussieht. Ein Anlanden ist für uns hier aber streng verboten, so daß wir den nächsten Liegeplatz bei der kleinen Ortschaft Zollbrücke ansteuern. Die Uferwiesen sind aufgrund des hohen Wasserstandes jedoch weitgehend überschwemmt, so daß wir auf etwas höher gelegenes Deichvorland flußab ausweichen. Der hohe Deich gibt uns hier Sichtschutz, so daß wir trotz ständigen Pendelverkehrs des Bundesgrenzschutzes zu Land und in der Luft in der Nacht unbehelligt bleiben.

Der letzte Paddeltag hat nun begonnen. Frühmorgens wird unser Lagerplatz von drei Kranichen besucht, die angesichts unseres Frühstückes ihre Nachtwache aber wohl als erledigt betrachten. Bei allmählich etwas nachlassender Strömung ist der letzte Teil des Oderbruches bald durchquert, wobei uns rechterhand nochmals ein malerisches Altwasser begleitet. Bei Hohenwutzen durchbricht die Oder einen weiteren Geestrücken und knickt abrupt von einer NW- in eine NO-Richtung um. Über eine Schleusenanlage besteht kurz darauf in Hohensaaten Anschluß an den Oder-Havel-Kanal und die Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße, wir vertrauen uns jedoch weiter der Oder an, die uns ruhig und unaufhaltsam in Richtung Ostsee weiterschiebt. Während das rechte Ufer weitgehend von 20 m bis 30 m hohen bewaldeten Steilufern geprägt wird, begleiten uns lingerhand ufernah die Flußdeiche. Etwas Enttäuschung macht sich breit, denn in diesem Bereich sollte doch der Nationalpark unteres Odertal liegen, was angesichts der Deiche und des kümmerlichen Vorlandes kaum glaubhaft erscheint. Bei einem der in den Deich integrierten Wehre landen wir an und sehen von der Deichkrone in das Hinterland. Dieser sogenannte Schwedter Polder ist dann allerdings ein urwüchsiger Landstrich mit ungezählten Altwässern, Tümpeln, Brach- und Umlagerungsflächen, der bei jedem Oderhochwasser über die Deichwehre gezielt geflutet werden kann. Hier waren dann auch ungezählte Wasservögel zu sehen, die sich in diesem Abschnitt auf dem Fluß selber etwas rar gemacht hatten.

Unser Ziel, die Ortschaft Schwedt, liegt wegen der nassen Oderniederung nicht direkt am Fluß, sondern ist über eine Querfahrt, eine Kanalverbindung mit Schleuse zu erreichen. Trotz vorgerückter Stunde am Freitag abend werden wir vom Schleusenmeister kostenlos geschleust und stehen kurz darauf am Bootshaus des Wassersportvereins. Diesmal ist hier wegen der günstigen Bahnverbindung nach Forst zum Nachholen des Autos Schluß, uns wurde aber von ortsansässigen Kanuten versichert, daß man seit kurzem über einen neu eingerichteten Grenzübergang in Mescherin an der Westoder nunmehr auch auf dem Wasserwege nach Polen einreisen kann. Somit steht für den nächsten Oderbesuch einer Weiterfahrt über Stettin ins Oderhaff und weiter durch Swinemünde in die Ostsee eigentlich nichts mehr im Wege.

Kurzinfo zu Neiße und Oder

Günstiger Start auf der Neiße mit Bahnverbindung in Görlitz (viele Wehre auf der folgenden Flußstrecke) oder in Forst bei der SG Turbine, hier Abstellmöglichkeit für PKW. Freies Zelten an der Neiße nicht erlaubt, ggfls. auf Privatgrundstücken in Ortsnähe fragen! Ab Forst drei Wehre, in Guben Bootswagen erforderlich. Ausweise mitführen, Boote müssen die Nationalflagge tragen! Fahrt auf der Neiße am besten vorher beim Grenzschutzkommando in Frankfurt/Oder anmelden. Polnisches Ufer an Neiße und Oder darf nur in Notfällen betreten werden. Zelten an der Oder auf gekennzeichneten Liegeplätzen, außer einer Wiese keinerlei Einrichtungen. Weiterfahrt auf der Oder nach Polen über Mescherin an der Westoder.

Reinder van der Wall

zurück nach oben

© 1996-2013 Webmaster - KGNO - Alle Rechte vorbehalten. Design by Marcel Lancelle.