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AHOJ VODACI!


oder: Was heißt doch gleich "Hilfe" auf tschechotisch?

Tja, genauso blauäugig wie ich an die ganze Tour ging, komme ich mir auch jetzt beim Verfassen dieses Berichtes vor. Ich weiß eigentlich überhaupt nicht, was für Leute ihn vielleicht lesen werden und was in Kanutenkreisen überhaupt von besonderem Interesse an so einem Rapport ist. Damit meine Erzählerei Euch aber nicht zu Tode langweilt, wird mich Corinna gelegentlich als fachkundige Expertin mit feuchtnaßen Fachtermini, Ergänzungen und Detailbeschreibungen unterbrechen und Euch vielleicht auch berichten, wie deppisch - oder auch nicht - sich der naive Laie so angestellt hat.

Vielleicht vorneweg noch ein paar Worte zu mir und wieso ich als Außenstehender mitfuhr: Ich bin ein Studienfreund (auf schlaudeutsch Kommilitone) von Corinna und da sie regelmäßig von ihren Erlebnissen auf dem Wasser schwärmt, hab ich sie irgendwann mal gefragt, ob ich nicht mal mitkommen könnte, nicht zuletzt auch mit der wehmütigen Erinnerung an frühere Zeiten von mir im Hinterkopf, in denen eine alljährliche Paddeltour in der Havelregion auf dem Programm unserer Jugendgruppe der Kirchgemeinde stand. Damit sind dann auch schon meine bisherigen Erfahrungen auf diesem Gebiet ziemlich vollständig erwähnt. Nur ein Ruderwochenende im letzten Jahr auf der Werra wäre noch zu nennen. Dort hatte ich die Möglichkeit neben Ruderbooten auch mal ein Einer-Kanu auszuprobieren und ob es nun an meinen langen Beinen oder am Boot lag - es waren sehr negative Erfahrungen für mich. Weitere maritime Kenntnisse dann nur noch mit den ganz großen Schiffen bei uns an der Ostsee.

Anfang März hat mich Corinna dann gefragt, ob ich nicht Lust hätte über Ostern mit ihr und einer kleinen Truppe mit nach Tschechien zu kommen. Als von einem Faltboot-Zweier als "Fahrzeug" für mich die Rede war, konnte ich mich viel leichter zu einem JA durchringen. Das kannte ich wenigstens. Da weiß man, was man hat. Doch dann wurde aus dem Faltboot plötzlich ein Kanadier und jede Menge Fragezeichen tauchten für mich auf. Wie funktioniert das? Wieviel Platz ist in so einem Ding? Muß ich irgend etwas wissen oder beherrschen, was ich aber nicht weiß bzw. kann? Werde ich nicht für die anderen mehr eine Belastung sein? Was hat es mit diesen komischen Eimern auf sich, die mir Corinna als Gepäckbehälter vorbeigebracht hat? .... und auf was lasse ich mich ein, wenn im Kanu-Sport etwas von "... leichten wildwassertechnischen Schmankerl" steht? Mannohmannohmann!

Eigentlich war schon ziemlich lange ein anderes Programm für Ostern geplant, denn Onkel Kurt hatte schon im Herbst letzten Jahres angefragt, ob ich nicht wieder Lust hätte, mit einer kleinen Gruppe an die Ardèche in Südfrankreich zu fahren. Klar hatte ich Lust, wäre da nur nicht die Uni... Bis zum 29.3. steckte ich noch mitten im Prüfungsstreß, und ab dem 6.4. ging die Uni für mich schon wieder los. Da ich aber fast 3 Monate lernend am Schreibtisch verbracht hatte, wollte ich in der kurzen Zeit, die mir blieb, wenigstens noch ein bißchen raus. Ich hatte mich schon an den Gedanken gewöhnt, alleine etwas unternehmen zu müssen, da kam ein Anruf von Oli: "Was hast du denn über die Osterfeiertage vor??" Schnell waren wir uns einig, daß wir uns zusammentun, und das Ziel stand auch sehr bald fest: die Eger in Tschechien.

Nach ein paar Telefonaten wuchs auch die Gruppe auf sechs an, für Ostern war gutes Wetter angesagt, die Flußbeschreibung hörte sich vielversprechend an, was will man mehr!

Die zwei Tage zwischen der letzten Prüfung und der Abfahrt vergingen mit Einkaufen, Packen und einer Doktorfeierzu der ich am Abfahrtstag noch eingeladen war, wie im Fluge.

Zumindest die Gedanken was das wohl für Leute sind und ob wir miteinander klarkommen würden, schwanden sehr schnell wieder, denn als der vollgepackte orange Bus mit den Booten auf dem Dach mich am Donnerstag (1.4.) gegen 18:00 Uhr in Göttingen abholte und die Reise gen Südost begann, wurden wir schnell miteinander warm. Auch die Namen Oli, Marcel, Nils und Lutz hatte ich bald drauf. (Mit Corinna und mir waren wir also sechs Leute.) Stunde um Stunde verstrich, aber schließlich erreichten wir doch ... nein, noch nicht unser Ziel, sondern den Stau bei Gera. Dort begann als erstes "Gesellschaftsspiel" der Autofahrt das Dekorieren des Bullidachs mit Aufklebern (natürlich von innen!). Waren ja noch genügend Ecken frei.

Das zweite "Spiel" begann mehrere Kilometer vor der Tschechischen Grenze und nannte sich "Lkw-Hopping". (!!! WICHTIG: Auf keinen Fall im alltäglichen Verkehr ausprobieren !!!) Dabei hat man auf seiner Fahrspur eine 5-10 Kilometer lange Schlange von Brummis vor sich, die auf die Zollabfertigung warten, und muß durch Springen von Lücke zu Lücke versuchen, das Ende der Kette - sprich den Grenzübergang - zu erreichen und das möglichst heil und gesund. Als besondere Erschwernis ist es schon stockfinster (es war nämlich schon Mitternacht) und man hat durch viele Kurven keinerlei Möglichkeit die Strecke einzusehen. Neben dem eventuellen Aufeinandertreffen von zwei entgegenkommenden Fahrzeugen - durch geschicktes "Hoppen" unbedingt zu vermeiden - besteht bei diesem "Spiel" auch noch die Möglichkeit selbst von anderen Mitspielern (in unserem Falle zwei Pkws) "überhoppt" zu werden. So kamen wir Dank Lutz zwar heil, aber als Letzte an der Grenze an. War aber halb so schlimm, denn im Gegensatz zu den Pkws wählten wir eine andere Fahrspur und umfuhren dadurch irgendwie die deutsche Abfertigungsstelle und kamen als Erste auf der Tschechischen Seite an. Da wollte man auch nicht viel von uns. Man hatte nicht einmal gemerkt, daß zwar sechs Leute im Wagen saßen, aber nur fünf Ausweise ins Fensterchen gereicht wurde. Nils Paß lag irgendwo unter all dem Gepäck im Kofferraum und deswegen reiste er eben "illegal" ein.

Nachdem wir Cheb als nächste große Stadt durchquert hatten, erreichten wir auch bald Kynšperk n. Oh`r´e (Königsberg a.d. Eger), unseren planmäßigen Startpunkt für den nächsten Morgen ... Der morgige Morgen war aber schon seit gut zwei Stunde der heutige Morgen. Kurz gesagt, es war schon sehr spät, und da wir mehrmals den Bereich durchkreuzten, in dem der Zeltplatz hätte liegen sollen, und nicht so recht was derartiges fanden, breiteten wir kurzerhand unsere Schlafsäcke an einer verschlafenen kleinen Waldstraße unter freiem Himmel aus. Jetzt muß ich mich aber doch mal korrigierend einschalten: Den Zeltplatz haben wir schon gefunden. Er war nur umzäunt und das Eingangstor verschlossen. In der Beschreibung aus dem Kanu-Sport 5/92 war erwähnt, daß der Schlüssel beim Verwalter im Haus neben dem Wehr abzuholen sei. Das ließen wir zu so später Stunde aber doch lieber sein. Deshalb also unser Notlager im Wald...

Na gut, dann hab ich im Halbschlaf wohl nicht mehr alles so ganz mitbekommen.

Wir waren im Wald stehen- (liegen-) geblieben: Ich bin mir nicht sicher, ob es an der lausigen Kälte oder an der gar nicht mehr so ruhigen Straße lag, auf jeden Fall wachte ich noch vor allen anderen auf.

Also von der Kälte habe ich nichts mitbekommen (na gut, ich habe auch keinen durchgesteppten Schlafsack), aber den Lärm kann ich bestätigen. Dabei weiß ich nicht, ob mich der Lärm an sich oder der typisch osteuropäische LKW-Gestank weckte. Zumindest fand ich es noch verdammt früh!

Nachdem die Sonne allmählich an Kraft gewann, wurde es aber wieder etwas gemütlicher und deswegen war dann doch Oli der Erste, der "seine Kinderchen" zum Aufstehen nötigte. Besonders schwer hatte er es mit Lutz und Nils, die sich zum Schlafen in den (vermeintlich) wärmeren Bus zurückgezogen hatten. Während alle anderen hungrig auf das Frühstück warteten, befanden sie sich noch im Land der Träume und weigerten sich hartnäckig in die ach so grausame Realität zurückzufinden.

Irgendwann war der Bus dann aber wieder zugänglich und wir konnten uns überlegen, was es denn zum Frühstück geben sollte. Eigentlich hatten wir uns schon entschieden, denn Corinna hatte genug Zeit gehabt, uns den Mund mit ihrer Schwärmerei von einem Hefezopf wäßrig zu machen. Alle Sucherei nach ihm ergab, daß er seelenruhig in Göttingen auf ihre Rückkehr wartete. Tja, dumm gelaufen. Ein Vorteil hat die ganze Sache jedoch: Wir haben jetzt beim Bericht schreiben noch was davon... Aus diesem Grunde gab es das scheinbar obligatorische Müsli. Körnerfutter - naja, auf so einer Tour ist es schon okay. Und wie wir nun so gemütlich in der Runde saßen und dem Fauchen des Kochers zuhörten, kam Towarisch (= Genosse - ich habe auch nachgefragt) Förster daher. Ein Blick aufs Nummernschild: "Alles Deutsche?" Und da ihm die weiteren Vokabeln zu fehlen schienen, beschrieb er mit seinen Armen einen Bogen um sich bzw. über unser Lager. "Das alles hier ist doch verboten!" Gnädigerweise räumte er uns noch eine Stunde ein und bis dahin wären wir sowieso weg gewesen.

Zurück in Kynšperk suchten wir zunächst den Zeltplatz wieder auf. Dabei merkten wir, daß er gar nicht ganz eingezäunt war und wir die Nacht doch hier hätten verbringen können. Direkt am Fluß und mit günstiger Einsatzstelle forderte er uns nun geradezu zum Abladen auf. Vorher versuchten wir aber einen Abstellplatz für den Wagen in Nähe des Bahnhofes zu finden. Wir entschieden uns für einen Platz bei einem Motorradladen (scheinbar wurde überall noch am Karfreitag gearbeitet) und während Oli und Lutz noch etwas Trinkwasser besorgten, packte der Rest die Boote voll. Ein wenig zu schaffen machte uns noch so ein Schild, das da rumstand. Rätselnd standen wir davor: Zelten Verboten? Baden Verboten? Bootfahren Verboten? ... "Corinna, Wörterbuch!" Die Nachforschung ergab sinngemäß: Die Reinheit erhalten! Ach so, dann isses ja nicht so wild/wichtig!

Schließlich war es so weit und es konnte endlich losgehen. Corinna und Oli nahmen mich im Kanadier in die Mitte (Corinna im Bug) und während die drei Kanufahrer ihre "Schiffe" zu Wasser ließen erhielt ich schon auf der munter dahineilenden Eger meine erste Lektion. Halten des Paddels im Normal- und Ernstfall, links Ziehen, flußaufwärts Anlanden und Ablegen, irgendwas von Mühlenschlag, Kehrwasser und ähnliche Vokabeln. Zunächst alles böhmische Dörfer für mich - und das im Nordwesten von Böhmen. Im Laufe der Zeit/Tage kapierte ich aber, was die einzelnen Dinge bedeuteten. Etwas länger brauchte ich bei kurzen Befehlen von Oli wie bspw. einfach "Links" (insbesondere wenn es mal etwas schneller und wilder strömte und sprudelte). Links? Ja, was denn links. Links mehr? Links weniger - nein links ziehen! Ziehen? Wie Ziehen? Wenns beim Üben zu lange dauerte, griff mir Corinna schon mal ins Paddel - so muß ich es also halten! Aber im nächsten Moment hatte ich diese Haltung schon wieder vergessen. Erst als ich von Oli die konkrete Beschreibung "Linke Hand am rechten Ohr" einmal gehört hatte, war das ganze irgendwie viel einprägsamer. Zum Glück waren meine beiden
Crewmitglieder sehr geduldig mit mir und ließen mir genug Zeit, die wichtigsten Handhabungen und Kommandos in Ruhe zu kapieren. Deswegen hat es auch viel Spaß gemacht, und da das Wetter richtig klasse war, hatte man auch was von der Landschaft.

Ich muß sagen, wir hatten mit Martin einen sehr gelehrigen Schüler mit dabei, so daß wir nicht viel Geduld aufbringen mußten, um ihm die grundlegendsten Paddelschläge beizubringen. Und wenn es beim Ziehen am Anfang nicht gleich klappte, konnte der Schlagmann ja immer noch mithelfen.

"Mächtige Baumkronen überschatten das noch schmale Flußbett,...". Das mit den Baumkronen aus dem Kanu-Sport mag wohl stimmen, aber so schmal war unser munteres Flüßchen eigentlich gar nicht. Wir haben aber auch auf unserer Tour immer wieder gemerkt, daß die beschreibende Crew bei deutlich niedrigerem Wasserstand unterwegs gewesen sein mußte als wir. Nicht lange vor unserer Fahrt muß ein ziemliches Hochwasser geherrscht haben (noch mind. 1,5 m höher) und die Folgen sah man immer noch. So hatten wir am ersten Tag ein wenig mit dem angestauten Treibgut zu tun und mußten immer wieder schauen, ob man besser links vom umgestürzten Baum oder rechts von der kleinen Treibgutinsel vorbeifährt. Wenn ich von "wir" rede, dann haben die anderen beiden das natürlich für mich mitbesorgt und ich habe in blinder Gefolgschaft getan, was man von mir verlangte (so ich es denn sofort verstanden habe). Nur einmal haben wir uns etwas verkalkuliert und sind zwischen Ästen u.ä. sperrigen Zeugs für einen Moment hängen geblieben, konnten uns aber auch bald wieder aus eigener Kraft befreien. Oli und ich waren uns in diesem Moment nicht ganz einig über die beste Fahrtroute. Und so zog ich nach rechts, während Oli nach links steuerte. Den Rest besorgte die Strömung. Naja, wir hatten ja noch ein paar Tage, uns aufeinander einzustimmen. Ob es dann die niedrige Stufe (0,5m) bei Dasnice oder schon das schräge Wehr (0,8m) von Šabina war, wird Corinna genau wissen, denn sie war die Glückliche, die dort ihre erste Dusche abbekam. Das Wasser schien recht kalt gewesen zu sein, den für einen Moment war sie doch recht still. Ich hatte diesmal noch Glück gehabt und bin trocken geblieben, aber im Laufe der Fahrt kam jeder von uns mal so richtig dran. Ja, es war saukalt. Und da ich bis zum T-Shirt hoch naß geworden war, blieb es auch eine ganze Weile so. Aber ich habe ja von Anfang an gewußt, auf was ich mich einlasse, wenn ich im Canadier ohne Persenning vorne sitze. Solange Oli uns auf der Sonnenseite des Flusses steuerte, war es auch einigermaßen auszuhalten, nur im Schatten wurde es ein bißchen zu kalt.

Dadurch daß ständig irgendeine wildere Ecke kam, verging die Zeit wie im Fluge und wir erreichten sehr zügig nach den ersten 10 km das Steilwehr bei Tisová (Theißau). Ungesund zum Befahren, ergo lieber Tragen! Im Strudel/Hinterwasser (Corinna, wie nennt man das? – Rücklauf!) des Wehres wurde ein recht beachtlicher Baumstamm festgehalten. Ihm zuzusehen bei seinen Drehungen und erfolglosen Befreiungsversuchen war nicht nur für mich sehr faszinierend. (Es tut mir leid, daß ich zu den Wehren sonst nicht so sehr viel Interessantes sagen kann und ich hab‘ die Hälfte von ihnen auch schon aus dem Gedächtnis gestrichen. Die "Fachleute" standen oft lange davor und berieten über Walzen, befahrbar, nicht befahrbar un all so watt.)

Da die Idylle des heilen Flusses (Beschreibung stimmt - zwei Eisvögel beobachtet) hier endete, machten wir unsere Mittagsrast am Wehr. So hatte Corinna Gelegenheit, sich zum Trocknen auszubreiten.

Die Schornsteine und die farbenfrohe Fassade des inzwischen modernisierten Braunkohlekraftwerkes konnten wir schon sehen, aber auch im Zuge der Weiterfahrt war von Luftverschmutzung nichts zu spüren. Keine Spur des sogenannten "Katzendreckgestanks", der hier laut Kanu-Sport-Artikel an windstillen Tagen herrschen sollte. Dabei war es windstill! Das Flußbett war jetzt zunehmend verbaut und immer mehr unheilverkündende Rohre ragten in unsere Richtung. Jedoch muß auch hier gesagt werden, daß eigentlich nur zweimal wirklich (sichtbar) Abwasser eingeleitet wurde - dafür dann aber auch gleich so richtig rostigorange. Uah! Ekel! Das ganze Ufer sah in diesem Bereich so aus. Nach weiteren 5 km erreichten wir die große Stadt Sokolov (Falkenau). Dort hörte zwar die Flußverbauung auf, aber dafür hatten wir durch den erwähnten zurückliegenden hohen Wasserstand von nun an alle Bäume und Sträucher am Ufer mit Müll "geschmückt". Rote Folienreste, mal ein Kühlschrank oder auch eine halbe pinke Plastikwanne - sehr farbenfroh, aber nicht gerade mein Geschmack.

Nach Sokolov führte der Fluß wieder durch waldreichere Landschaft, wobei auffallend viele Birken vorherrschen (das sind die mit der weißen Rinde). Ursache: Kahlschlagwirtschaft! Wir konnten solche Flächen häufig sehen. Es werden dort alle Bäume abgehackt und dann macht man gar nichts mehr. Was unter diesen Bedingungen wächst, ist eben Kiefer, Lärche und Birke, Birke, Birke .... Auf die Dauer etwas eintönig.

Richtig interessant wurde die Gegend erst wieder, als wir uns dem Ort Loket näherten. Dort schneidet die Eger ein tiefes Tal und direkt im Ort macht der Fluß vor einem mächtigen steilen Felsen, der mit einer Burg gekrönt ist, einen scharfen (Ellen)Bogen à Loket = Ellenbogen. (!Achtung Kultur!: Auf der Burg soll auch schon der olle Goethe gehockt haben!) Auf der anderen Flußseite, also in der Kehre, befand sich eine romantische Freilichtbühne. Das muß wirklich toll sein, dort eine Aufführung zu erleben, mit der angestrahlten Burg im Hintergrund.

Wir hatten schon knapp 30 km hinter uns und stellten uns auf ein baldiges Anlanden am Zeltplatz hinter Loket ein. Vorher waren jedoch laut Flußführer noch zwei Wehre direkt im Ort zu umtragen. War das erste noch relativ problemlos zu bewältigen, so erwies sich das zweite als eine harte Nuß. Dabei warnte der Flußführer doch erst für die Strecke danach vor "zunehmenden Schwierigkeiten mit WW I". Das Wehr selber sollte links oder rechts umtragbar sein. Pustekuchen!! Rechts steile Betonmauer bis an das Wasser, links Umtragen genauso unmöglich. Und befahren? Das wollten wir wegen Aufsetzgefahr zumindest mit dem Canadier nicht riskieren. Treideln?? Nicht optimal, aber es ging! Während wir uns mühsam an der Betonmauer entlanghangelten, flutschten die anderen mit freiem Oberkörper mühelos durch die Fluten. Und das sah sogar richtig cool aus! Das Befahren, nicht das Klettern! Nach dieser Aktion sollte bald unser Zeltplatz für heute kommen. Mit den Entfernungsangaben schien man es aber auf den Schildern nicht allzu genau zu nehmen, denn der angegebene Kilometer zog sich ganz schön in die Länge. Irgendwann erreichten wir dann doch den Zielpunkt für heute. Es war wirklich sehr schön da. So ruhig und romantisch! Zeltaufbauen, Essen machen usw. das kennt ihr wahrscheinlich alles von Euren Fahrten. Nach dem Tag schmeckten uns die Spaghetti doppelt gut, und da die letzte Nacht für alle doch eher kurz war, verkrochen wir uns bald in unseren Schlafsäcken. Vorher das alltägliche Phänomen: Corinna und die anderen zogen sich eher etwas aus, nur ich kramte noch Trainingsanzug und Pullover zusätzlich raus. Jaja, Corinna hat ja recht, für Temperaturen um Null ist mein Schlafsack wirklich nicht geeignet, aber mit drei Schichten mehr war es dann auch recht wohlig. Auf jeden Fall konnten wir diesmal so richtig ausschlafen.... dachten wir.

Warum wir auf dem lauschigen Zeltplatz mit Plätschern des Flusses im Hintergrund eine gar nicht so erholsame Nacht verbrachten, erfahrt ihr in Teil II von "AHOJ VODACI!" im nächsten Pb.

von Corinna und Martin Linnert

AHOJ VODACI! Teil 2

oder:

Was heißt doch gleich "Hilfe" auf tschechotisch?

Eine Coproduktion von Martin Linnert und Corinna Emmerich

Nach langer, langer Zeit nun also der Versuch der Fortsetzung. Versuch insofern, als daß – neuerdings: "dass", aber ich bleibe lieber bei der alten Form – nach so einer großen Zeitspanne doch schon einige Erlebnisse in der Dunkelheit des Vergessens zu versinken drohen. Zum Glück sind da ja noch die Fotos von Corinna und Oli, die doch wieder etwas Licht in die Geschichte gebracht haben.

Also wir waren auf unserem Nachtlager stehen geblieben und bei der Nacht, die nicht sonderlich erholsam sein sollte. Das lag daran, daß zur nächtlichen Stunde eine Gruppe junger Leute ebenfalls ihr Lager auf diesem Platz aufschlug. Dabei ging es recht lautstark zu. Aber selbst das längste Zeltaufbauen muß ja irgendwann zu Ende sein und als sich das aufheulende Motorengeräusch entfernte und die Truppe scheinbar deutlich kleiner wurde, war ich wieder voll Hoffnung, bald wieder Schlaf zu finden. Vielleicht bin ich sogar noch einmal weggedöst, aber lang kann das nicht gewesen sein. Es ging dann nämlich ans Singen. Schon enorm, wieviel Power in solch jugendlichen Kehlen steckt und vor allem diese Ausdauer. Stunde um Stunde verging zwischen Wachen und Kurzschlaf, entnervtem Fluchen und ehrfurchtsvollem Zuhören. Letzteres vor allem wegen der wirklich sehr schönen Stimmen, nur vom Text hat man leider nix verstanden. Ich weiß nicht wie lange es im ganzen gedauert hat, aber eine deutsche Gruppe hätte die Gitarre viel früher aus der Hand gelegt. Trotzdem hatte ich zwischendurch den Eindruck auch ein paar deutsche Wortfetzen zu verstehen.

Die Auflösung kam dann am nächsten Morgen, als im Nachbarlager auch das Leben erwachte. Sich den Kopf haltend und dabei "Aua-aua-aua!" stöhnend kam einer der jungen Kerle zu uns rüber und es dauerte eine Weile bis Corinna der Geistesblitz kam, daß er nach einer Aspirin "fragte". Sie konnte ihm sogar eine geben. Kurze Zeit später kamen zwei dem deutschen gut mächtige Mädels rüber und dann tauschte man sich aus. Ostern ist dort wohl der große Anpaddeltermin und der Beginn dieser alljährlichen Jungfernfahrt wird dementsprechend gefeiert.

Nach der allmorgendlichen Frühstück-Zeltabbau-und-Bootbelade-Zeremonie begann unsere nächste Etappe. Sie führte uns zunächst durch die sehr beeindruckende Flußlandschaft des NSG "Svatošské skály". Immer wieder tauchten rechts und links schwarze Felsklippen senkrecht aus den an sich schon recht steilen, bewaldeten Hängen und verliehen dem ganzen Flußtal einen wildromantischen Charakter.

Wir ließen uns eine ganze Strecke einfach treiben und von der morgendlichen Sonne wärmen. Es war einfach nur schön. Anfangs waren kaum Menschen zu sehen. Nach und nach sahen wir auch eine Gruppe von Leuten, die an den Felsen Kletterübungen machten oder einzelne Wanderer, die uns zuwinkten und "Ahoj!" zuriefen. Das Paddeln muß dort eine ganz besondere Rolle spielen und sehr beliebt sein. Auch wenn eine Straße mal ein Stück den Fluß begleitete, wurde oft gehupt und gewunken und immer wieder "Ahoj, Ahoj, Ahoj" gerufen.

Hinter dem kleinen Städtchen Doubí durften wir wieder mal umtragen. Nachdem wir die Boote draußen hatten, machten wir auch gleich eine kleine Rast. Dabei entpuppte sich meine großspurig angekündigte Dose Kekse als großer Betrug. "Nur" Schokoladenostereier waren drin. Aber so hatten wir Gelegenheit, über den unterschiedlichen Geschmack der mit verschiedenfarbigen Alupapieren einge-wickelten schokoladigen Gebilde und die entsprechenden Vorlieben gewisser Crewmitglieder für die Rosafarbenen zu philosophieren.

Wir setzten unsere Fahrt fort und erreichten die große Stadt Karlovy Yary (Karlsbad). Hier wollten wir ursprünglich Pause und Mittag machen und uns auch die Stadt ansehen, aber irgendwie fand sich keine Gelegenheit dazu. Steile Betonwände ließen links und rechts kein Anlanden zu und der Stichkanal, der vielleicht in Richtung Zentrum führte, bot vielleicht knappe 5 cm Wasserstand. Als die Ufer wieder betretbar waren (und wir auch mal wieder umtragen mußten), war die Stadt nicht mehr sonderlich einladend und wir fuhren ohne längere Pause weiter.

Die Fahrt wurde jetzt wieder interessanter. Die im Flußbett verstreuten Felsblöcke verlangten nach der Aufmerksamkeit unseres Steuermanns. Immer wieder ertönte aus Richtung Corinna/Bug die Warnung "Stein voraus!". Diese abwechslungsreiche Strecke gab mir wieder viel Gelegenheit, Neues hinzuzulernen. Neben verschiedenen Anweisungen zur Durchführung bestimmter Paddelschläge ließ ich mir aber auch viel erklären: Wie erkennt man die Steine, die unter Wasser liegen / Strömungsverhältnisse am Stein, hinterm Stein / Was passiert, wenn man doch mal drauf fährt / Wie verhält man sich dann / Was ist, wenn ... . Auf alles gab es ganz geduldig eine Antwort und Marcel führte manches auch praktisch vor, z.B. Ein- und Ausschwingen ins und aus dem Kehrwasser eines Steines. Das war echt Klasse. Nur das Auffahren auf so einen Stein vollzog er eher unfreiwillig. Er kam aber ohne Probleme glatt rüber; es rumpelte nur beachtlich.

Den Höhepunkt für die Kanutenherzen erreichten wir wohl mit den Hubertus-Stromschnellen. Eine wilde Wildwasseretappe, wo auch noch Kanuslalomtore vom Himmel bammselten. Ein paar heimische Kanuten (entsprechendes Vereinshaus natürlich direkt am Katarakt) arbeiteten wie die Verrückten (Entschuldigung) gegen den Strom, mit einer mordsmäßigen Kraftanstrengung. Während wir die Boote ausluden, wagte eine Canadierbesatzung, die auch nur auf der Durchreise war, die Durchfahrt. Es sah so`n bißchen aus, wie nach dem Motto "Augen zu und durch" bzw. "Einfach drauf los". Uiuiuiuiui, es schwankte ganz schön, dann schaukelte es sich immer weiter auf und ... dann lagen sich auch schon im Wasser. Vielleicht hat erst dieses Erlebnis in meinen KGNO-Mitreisenden die Idee zum durchfahren geweckt. Gut, daß man mit den Einern so manche wilde Ecke meistern kann, hatten sie mir schon bewiesen. Aber als sich dann tatsächlich Corinna und Oli auch mit dem Canadier bereitmachten .... bei diesem wilderen als wilden Wasser, den Kanuwracks am Vereinshaus und mit diesem Canadier-Beispiel vorneweg .... da konnte ich da nicht mehr zuschauen. (Sie sollen es aber trocken geschafft haben).

Wir machten vor Ort noch unser verspätetes Mittag und stachen anschließend wieder in S... in den Fluß.

Es ging immer wieder an vielen kleinen Ferienhäusern vorbei und überall waren die Menschen dabei, ihre Grundstücke für Ostern und den Frühling vorzubereiten, indem sie auf ihrem Grundstück angeschwemmte Äste usw., teilweise auch Müll, wieder zurück in den Fluß beförderten, verbrannten oder sonstwie entsorgten. Immer wieder gab es aber ein "Ahoj!" für die vorbeifahrenden Paddler.

Kurz bevor wir unseren heutigen Zeltplatz erreichten, gab es noch mal zwei wildere Flußstellen, die aber beide befahren wurden. Bei beiden erwischte es mich. Bei der ersten hatte ich mich zwar auf Anraten meiner Crewmitglieder so mit einer BW-Plane geschützt, daß die Welle ohne mich naß zu machen ins Boot brach, stellte mich dann aber beim Weglegen der Plane so geschickt an, daß ... naja, bei der zweiten Stelle war ich dann halt schon naß, da war es dann egal. Und im Boot schwamm es auch nicht schlecht. Da mußte der Schiffsjunge wieder ran an die Pütz.

Nach Boot-ausladen und Zelt-Aufbauen ging es an die Trinkwasserbesorgung. Da keiner so recht wollte, machte ich mich wieder mit Oli auf die Suche. Wir beide hatten die Reste meiner Russisch-Kenntnisse und einige Vokabeln aus Corinnas Wörterbuch bereits am Vortag zu dem Satz "U vas jest pitna woda?" (Haben Sie Trinkwasser?) zusammengebastelt und auch bereits erfolgreich angewandt, warum nicht auch heute. Wir fanden auch bald eine Wasserpumpe – mußten also nicht mal fragen. Außer Gequitsche kam aber leider nicht viel raus. Also doch zum ersten Haus – keiner da. Beim zweiten arbeitete eine Frau im Garten, die auf unsere holperige Frage nur irgendetwas mit "Pumpa" antwortete. Sollten wir zu doof gewesen sein? Mußte man nur länger pumpen? Also zurück und neuer Versuch. Es passierte nichts. Wir wechselten uns ab. Quitsch, Quitsch – weiter nix! Wieder zurück zu der guten Frau. "Nix Pumpa, Pumpa nje rabotajet, Pumpa arbeitet nicht!" So richtig weiter kamen wir bei ihr dann aber nicht. Also Haus drei – oder war es schon das vierte? Hier hatten wir Glück. Es wurden gar nicht viele Worte gewechselt. Man nahm unsere Kanister, ließ uns am Zaun stehen und brachte uns irgendwann die vollen Behälter zurück.

Auf unserem Rückweg merkten wir, daß die gute Frau von Haus zwei inzwischen wohl den Dorfscherrif verständigt hatte. Er knatterte mit seinem Moped an uns vorbei und wir fanden ihn dann werkelnd an der Pumpe wieder. Er fragte uns noch was zur "Pumpa". "Ja, ja, Pumpa nje rabotajet!", murmelten wir zurück.

Auf diese dramatisch, theatralische Weise retteten zwei unbekannte Wasserreisende das kleine Dorf rechtzeitig vor der Gefahr des Versiegens der Pumpa-Quelle.

Der folgende Tag brachte uns nach Klášterec (Klösterle). Ich glaube hier war es, wo ich mein erstes Wehr fahren sollte. (Die Profis hielten es wohl für ungefährlich.) Oli blieb diesmal draußen und hielt alles auf Zelluloid fest. Es gibt zwei sehr interessante Fotos, wie ich mich mit Corinna in den "Abgrund" bewege. Auf dem ersten steht das entscheidende noch bevor und ich scheine noch guten Mutes zu sein. Auf dem zweiten ist jedes Lächeln aus meinem Gesicht gewichen und ich scheine regelrecht die Luft anzuhalten, stocksteif hocke ich da. Man gut, daß sich nicht auch noch meine Finger in die Bordwand krallen, sonst hätte die Peinlichkeit ja kein Ende mehr. Aber überlebt hab ich das Ganze und naß geworden bin ich auch nicht.

Der Fluß mündete nun in einen Stausee und es ging – so fast ohne jede Strömung – nicht mehr so flott voran. In der Mitte des Sees schlugen wir am rechten Ufer unser heutiges Lager auf und kaum daß die Zelte standen, war es mit dem guten Wetter zu Ende. Es pladderte fürchterlich. Zum Glück machte auch der Regen mal eine Pause und ließ uns Zeit zum Essen. Nachdem Lutz geschickt den Riß in meinem Plasteteller (man beachte: Plaste! Nicht Plastik) zugeschweißt hatte, gab es für die Soße auch keine Chance mir aufs Knie zu laufen.

Unseren letzten Tag brachten wir nur noch kurz auf dem Wasser zu. Die zweite Hälfte des Stausees, einmal umtragen am großen Kraftwerk und noch das kleine Stück bis zum nächsten Wehr. Wir befanden uns nun direkt bei der Stadt Kadan. Hier sollte unsere Reise enden. Während Lutz und Oli per Zug zum Auto fuhren, vetrieben wir restlichen dreie uns die Zeit mit Stadtbummel (so groß war der Ort aber auch nicht), Flöte tröten, lesen, Blumenstrauß pflücken, am Fluß entlangwandeln, Regenschauer überstehen, sich ausmalen, was wäre wenn... das Auto z.B. nicht mehr da ist ... etc. Es war aber zum Glück noch da und wir konnten nach ein paar Stunden alles wieder einladen und die Rückreise antreten.

Auf der Fahrt zur Grenze erklomm der orange Bulli ganz tapfer die Berge des Erzgebirges (auf der tschechotischen Seite heißt das Krušné Hory). Um die 900 m ü. NN. lagen die Gipfel hoch und es lag noch Schnee oben. Der erste Grenzübergang entpuppte sich als nur für Fußgänger passierbar, so daß wir noch ein Stück weiterfahren mußten und den bei Oberwiesenthal nahmen. Später als spät kamen wir nach Göttingen bzw. noch später nach Braunschweig.

Es war eine sehr schöne Reise, auf der ich einiges an Paddelkenntnissen dazugelernt habe! Olis Anweisung "Linke Hand am rechten Ohr!" werde ich z.B. immer behalten. Danke, daß Ihr mich mitgenommen habt!

Corinna und Martin Linnert

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